Persönlich traf ich Günter Grass erstmals in Frankfurt bei einer Ausstellung in einer Galerie, es muß 1965, eventuell 1966 gewesen sein. Er stellte Zeichnungen überwiegend zu den Themen „Nonnen“ und „Vogelscheuchen“ aus.Wir haben nicht gesprochen.Als ich 1975 nach Kronach zurückkam, war mir klar, dass ich selbst ein künstlerisches Umfeld schaffen musste.Damals hatte ich angefangen, unter dem Überbegriff „Kultur-Biotop“ Ideen zu sammeln. Kontakte zu Literaten waren gleich Null, dafür hatte ich zahlreiche zu Malern und Grafikern und einige zu Musikern.Mein erstes Einzelprojekt: eine Lesung zu organisieren.

Den seinerzeitigen Landrat Dr. Heinz Köhler konnte ich dafür gewinnen, und so schrieb ich Günter Grass an und fragte, ob er nach Kronach kommen würde. Ich plante eine Ausstellung mit Radierungen zum „Butt“. Und natürlich eine Lesung.

Günter Grass sagte zu, weil der vereinbarte Termin vor dem Erscheinen des Romans stattfinden sollte und ich denke, auch wegen der Kombination aus Lesung und Ausstellung.

Der Verlag war über den privat vereinbarten Termin ziemlich verzweifelt, denn durch den starken Vorverkauf des Romans „Der Butt“ wurde die Auslieferung 14 Tage vorverlegt. Jeder wollte Günter Grass.

Günter Grass kam. Nach drei Tagen Lesungen im Zelt in Stuttgart, Montag und Dienstag München und Freitag vorher, also mittendrin – Kronach. Aber auf den Termin verzichten kam nicht in Frage, auch für Günter Grass nicht. Im September 1977 las er aus dem druckfrischen „Der Butt“.

Im Vorfeld politische Aufregung in Kronach. Anonyme Briefe an CSU-Mitglieder mit einem Gedicht, in dem Günter Grass die Nonnen aufforderte, Willi Brandt zu wählen. Niemand darf zur Lesung! Vor dem Kreiskulturring Protestplakate.

Das BR-Fernsehen aus München kam, wollte aber nur dann aus Kronach berichten, sollte es zu einer Demonstration kommen.

Über 600 Literaturfreunde fanden sich in Kronach ein. Keine Demonstration, aber eine überfüllte Rathaus-Galerie bei der Ausstellungs- Eröffnung.

Günter Grass wohnte bei uns und schrieb in unser Gästebuch:

„Butt sei Dank! Bis bald wieder in Kronach.“

Seitdem treffe ich Günter Grass sporadisch auf der Frankfurter Buchmesse, auf der ich seit 1960 regelmäßig Gast bin, und nach der Grenzöffnung auch auf der Leipziger Buchmesse. Zwischendurch erinnerte ich ihn auch an „Bis bald wieder in Kronach“.

2003 organisierte ich eine zweite Ausstellung mit Radierungen und einigen Lithografien von Günter Grass, die ich als Wanderausstellung auch in Bamberg und Herzogenaurach zeigte.

Und dann erschien der Gedichtband „Letzte Tänze“. Wieder auf der Frankfurter Buchmesse sprach ich Günter Grass daraufhin an. Fast nebenbei.

Und er sagte spontan zu. Da bringe ich meine Tochter Laura mit.

Von Verlag und Sekretariat kamen sofort Einwände. Herr Grass, das ist unmöglich. Doch Günter Grass sagte nur, er werde mit seiner Tochter telefonieren und ich solle nach der Buchmesse einen Brief nach Lübeck schreiben. Natürlich wollte ich auch wieder eine Ausstellung organisieren, denn erstmals gab es Kleinplastiken.

Meinem Brief nach Lübeck folgte eine e-mail: Unmöglich. Aus terminlichen Gründen.

Ich rief Laura Grass an, die mir sagte: Ja, mein Vater hat schon mit mir gesprochen. Wir kommen.

Noch eine e-mail nach Lübeck. Dann: der Termin wie mit Günter Grass abgesprochen, er kommt 2004 zu Lesung und Ausstellung nach Kronach.

Mehr als 650 Literaturinteressierte im Kreiskulturraum und vorher etwa 180 geladene Gäste bei der Ausstellungs-Eröffnung in der Kronacher Synagoge. Wiederum ein literarisches Ereignis.

Aus dem umfangreichen Pressespiegel: Ralf Sziegoleit, Feuilletonchef der Frankenpost Hof schrieb unter anderem: „Den neuen Kronacher Auftritt des Autors machte Cesaro am Rande der vergangenen Frankfurter Buchmesse perfekt. Als „der wunderbare Ingo“ wurde er nun vom prominenten Kollegen belobigt, als „Bruder im Geiste“ auch und als „einer der wenigen kreativen Verrückten, auf die wir angewiesen sind zwischen so viel Normalbürgern“. Die Ausstellung wanderte nach Bamberg und Herzogenaurach.

Mit Laura Grass besprachen wir die Illustrationen zu einer meiner Erzählungen „Stuttgarter Allee 31“. Der Bibliophile Band wurde von Werner Hiebel in seiner OFFICIN ALBIS veröffentlicht.

Auf der Frankfurter Buchmesse erlebte ich dann im Oktober 2004 die Vorstellung der Mappe mit Lithografien zu Andersens Märchen am Stand der dänischen Verleger.

Hier konnte ich mit Günter Grass gleich eine weitere Ausstellungsreihe ab Kronach, über Kulmbach, Forchheim, Bamberg, Wolfsburg und Coburg vereinbaren.

Leider ohne seinen Besuch, obwohl er ja in unserem Gästebuch versprochen hatte:

„Nach den vorletzten Tänzen in Kronach am Frühstückstisch sagt Danke Günter Grass.“

2005 traf ich Günter Grass im November im Schloß Faber Castell, als er dort eine Ausstellung eröffnete und auch dieses Jahr fanden wir Zeit, uns auf der Frankfurter Buchmesse zu unterhalten, zu sehen in der ttt-Spezial Sondersendung vom Sonntag, den 8. Oktober 2006, die von der ARD zur 58. Frankfurter Buchmesse ausgestrahlt wurde.

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